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Einstieg der dritten Band

Im Auto war es recht eng für alle Beteiligten, da man sich weder einen professionellen Transport leisten konnte, noch irgendjemanden kannte, der ein richtig großes Fahrzeug hatte und es zur Verfügung gestellt hätte. So hatten sich Jonathan, Lucas, Daniel und Sebastian zusammen mit Gitarre, Bass und Proviant ins Auto und das Drumset mit den Reisetaschen in den Kofferraum gequetscht. Sie hofften einfach mal, dass das restliche Equipment vor Ort beim Bandcontest aufzufinden und auszuleihen war, sonst hätten sie ein Problem; aber wie sollte eine Band, die zu drei Vierteln aus Schülern bestand, auf andere Weise dorthin gelangen?

Vorne saßen Bassist Jonathan, wegen seiner langen blonden Haare auch Gabriel genannt, und Drummer Lucas, die beide schon einen Führerschein hatten und sich, um sich und den anderen ihr Können zu beweisen, mit dem Fahren abwechselten. Zwischen den Instrumenten und einem Korb mit belegten Broten, handgeschmiert von der Großmutter eines ehemaligen Bandmitglieds, die die Band immer unterstützt hatte, teilten sich Gitarrist Daniel und Sänger Sebastian die Rückbank. Sebastian blätterte gelangweilt im JGTHM und stellte wieder einmal fest, dass er jedes Wort schon kannte und in der Zwischenzeit kein einziges neues dazugekommen war. Daniel hatte sich vorsorglich ein Sixpack Bier mitgenommen, welches ihm neidische Blicke von Lucas bescherte und Gabriel hoffen ließ, es wäre nur noch eine Frage der Zeit, bis Lucas seinem Verlangen nachgab und er das Steuer endlich für sich hatte. Mit einer Flasche in der Hand sah der Gitarrist nach draußen, aus den Ohrstöpseln seines Mp3Players drang in voller Lautstärke Hypocrisy.

„Peter Tägtgren ist schwul!“ tönte es von vorn, Lucas hatte gerade nichts zu tun, saß auf dem Beifahrersitz und schlug mit den Händen auf seinen Oberschenkeln den Takt des Schlagzeugs, welches er durch die Daniel-typische Lautstärke bis nach vorn hörte. Gabriel verdrehte die Augen und fragte mit leichtem Unterton in der Stimme „Willst du nicht ein Bier trinken?“ „Manchen Leuten gebe ich nichts von meinem Bier ab…“ grummelte Daniel „Zum Beispiel solchen, die meine Idole beleidigen…“ „Jetzt wirst du aber gemein gegenüber Homosexuellen!“ rief Lucas grinsend „Seit wann ist schwul eine Beleidigung?“ „Oh, Fuck you…“ stöhnte Daniel und erhöhte noch einmal die Lautstärke, so dass er nichts mehr hören konnte. Gabriel seufzte nur genervt auf und schüttelte den Kopf. Im Probenraum verstanden sich die beiden prächtig, aber im Alltag war es für den Bandgründer unerträglich, ihnen zuzuhören. Sebastian hatte sich die ganze Zeit still verhalten und sich im Schweigen stolz gefühlt mit SEINER Band zu einem Contest zu fahren. Er sah sich schon auf der größten Bühne in Wacken, sah sich auf Welttournee mit Maiden als Vorband und hielt nichts von dem Gedanken, dass er sich vielleicht unrealistische Dinge ausmalte.

Gegen Mittag parkte das Auto auf dem Parkplatz des Hotels, in dem auch die anderen Bands waren, und die vier stiegen aus. Nachdem sie ihr Gepäck auf die beiden Zimmer gebracht hatten (es verstand sich bandintern von selbst, dass Gabriel und Lucas sowie Daniel und Sebastian zusammen schliefen) fanden sie sich im Speisesaal ein, da auch größte Brotkorb einmal leer war. Sie setzten sich mit den gefüllten Tellern an einen freien Tisch, Gabriel beobachtete die Leute um ihn herum, Sebastian lauschte den Gesprächen am Nachbartisch, an dem zwei Frauen und ein Mann saßen und sich über andere Leute unterhielten, Lucas lästerte über Hypocrisy. Daniel bekam davon aber glücklicherweise nichts mit, denn er redete gerade mit Andèrs Knørs von Bloody Burial, einer saarländischen Death Metal Band, den er von ICQ kannte. Von ihm erfuhr er, dass BB doch nicht am Wettbewerb teilnehmen würden, da seine schwangere Freundin nun, einige Wochen vor dem angekündigten Termin, zur Entbindung im Krankenhaus war, und er die Geburt auf jeden Fall miterleben wollte. „Hey Leute“ machte Daniel auf sich Aufmerksam „Bloody Burial spielen doch nicht, wir haben also eine Chance!“ Sebastian bekam nicht viel davon mit, da seine Aufmerksamkeit noch den beiden braunhaarigen Frauen und dem schwarzhaarigen Mann galt. Man musste ihm förmlich ansehen, dass er ihnen zuhörte, neugierig wie der Sechzehnjährige war.

4.11.06 17:48
 


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